
Schon länger hatten eine Fotofreundin aus Hamburg und ich ins Auge gefasst, im November der schönsten der nordfriesischen Insel einen Besuch abzustatten. Bis zum Schluss starrten wir auf die Wetterprognosen, denn im November kann es auch fies werden im äußersten Norden Deutschlands. Samstags entschieden wir: das passt. Wir buchten ein Hotel und den Autozug ab Niebüll, dienstags ging es los.
Angekommen schlenderten wir erstmal durch Westerland, gönnten uns eine leckere Waffel im Café Orth und besuchten dann den Strandabschnitt Dikjen Deel. Es sah ziemlich grau aus und nicht nach schönem Licht. Aber pünktlich zum Sonnenuntergang riss die Wolkendecke am Horizont auf und diese Lücke bescherte uns feine Farben, die zum Schluss ins Knallrote übergingen. Man sollte an der Nordsee nie zu früh aufgeben, wie ich aus Erfahrung weiß. Zum Abschluss des Tages ging es zu Gosch in List, wo man unter dem Eindruck der nachmittäglichen Waffel auch sehr gut eine Kleinigkeit essen kann.
So gut der erste Tag verlaufen war, so groß war mein Entsetzen am Abend, als ich feststellte, dass ich entgegen jeder Gewohnheit nur einen Kamera-Akku im Fotorucksack hatte und kein Ladegerät dabei. Oh Mann, das darf nicht wahr sein. Meine Mitfotografin ist mit Sony unterwegs, hat also kein für Canon passendes Zeugs. Ich suchte erste Hilfe in einer Sylt-Gruppe auf Facebook. Der Zahn, dass es auf der Insel passenden Canon-Zubehör geben könnte, wurde mir schnell gezogen. Der Hinweis, ich könnte den Akku in der Kamera am Mac mit einem USB-Kabel laden, brachte auch keinen Erfolg, weil es einfach nicht funktionierte. Hilfe nahte in unserer exklusiven WhatsApp-Gruppe, die meine Begleitung und ich mit einem Fotokumpel aus Heide teilen. Der gute Mann fotografiert mit Canon und wohnt zwar bei uns in der Nähe, arbeitet aber in Niebüll. Und er schlug vor, er würde mal auf Verdacht - wenn alle anderen Möglichkeiten nichts ergeben - ein Ladegerät mit ins Büro nehmen. Ich hatte zwar eine unruhige Nacht, aber die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ich in den nächsten Tagen mehr als iPhone-Bilder machen könnte.

Ungeachtet meines Akku-Problems starteten wir am anderen Morgen früh Richtung Ellenbogen und standen beim ersten Licht am Leuchtturm List Ost. Und wieder bekamen anfangs graue Wolken die nötigen Farben, die in ein Himmelsfeuer par excellence mündeten. Nach diesen tollen Eindrücken schmeckte das Frühstück gleich nochmal so gut.
Danach ging es aufgrund meiner unfassbaren Schludrigkeit mit dem Regionalzug nach Niebüll. Das kommt davon, wenn man meint, innerhalb des eigenen Landkreises könnte man kurz und sorglos ohne den Check der sonst üblichen Packliste für Fotoreisen unterwegs sein. Am Bahnhof Niebüll erwartete uns schon Ralf mit dem Ladegerät, meine Rettung. Ich freue mich immer, ihn zu sehen, wenn wir zusammen fotografieren, aber so wie dieses Mal habe ich mich selten über sein Auftauchen gefreut:-) Nach einem kurzen Plausch innerhalb unseres Aufenthalts von 15 Minuten ging es gleich zurück auf die Insel und ich gönnte meinem Akku im Hotel erstmal eine kleine Ladepause.

Nachmittags fuhren wir bei gleichmäßigem Licht in die Braderuper Heide, wo dekorativ einzelne Windflüchter stehen.
Zum Sonnenuntergang waren die Buhnen in Rantum unser Ziel. Obwohl es Richtung Niedrigwasser ging, waren die Buhnen noch heftig umspült. Aber das Licht wurde weicher und schöner, das Wasser zog sich zurück und so konnte ich mein Wunschbild machen, nämlich die Buhnen mit dem Söl'ring Hof auf den Dünen im Hintergrund.
Nachdem wir unser Fotozeug im Hotel abgeladen hatten, ging es in Tobi's Hüs, eigentlich zweite Wahl, weil wir andere Restaurants im Auge hatten, die aber in der Winterpause waren. Und das war gut so. Lachs-Zander-Roulade auf Blattspinat mit Kartoffel-Sellerie Gratin und zwei verschiedenen Soßen. Ein Gedicht! Ein am Tisch zubereitetes Tiramisu teilten wir uns auch noch, weil meine Reisebegleitung ja Geburtstag hatte. Es war fantastisch.
Der ViewFindr hatte für den folgenden Sonnenaufgang nicht zu viel versprochen: 98 % Himmelsröte und 100% Sichtbarkeit. Schon bei der Anfahrt auf Morsum Kliff war klar: das wird episch. Und so war es auch. Himmelsfarben wie aus dem Bilderbuch und das am place to be für einen malerischen Sonnenaufgang auf Sylt.
Mein Lacher des Morgens war ein Kommentar meines bereits erwähnten Retters Ralf, der in der Fotocommunity zu einem Sylt-Bild schrieb: "Das schöne Licht, die Natur, das Meer.... Du zeigst wieder einmal wie schön es bei uns im Norden ist. Hier kann man seinen Akku in Ruhe aufladen.... :-)" Treffender kann man es nicht formulieren:-)
Nachmittags fuhren wir zur Kupferkanne. Das Künstlercafé ist insbesondere für seine Kuchen bekannt und das konnten wir uns nicht entgehen lassen. Ich machte noch eine Aufnahme von der Allee, die zur Kupferkanne führt und an die berühmten Dark Hedges in Irland erinnert.
Abends stand nochmal der Ellenbogen auf dem Programm. Das Licht zeigte sich in herrlich zarten Pastelltönen über den schönen Vordünen und dem Leuchtturm List Ost.
Da wir nun schon wieder nachmittags dem Kuchen zugesprochen hatten, gab es abends nur eine Kleinigkeit im Extrablatt Westerland. Auch im Winter ist auf Sylt die Auswahl an Lokalitäten für jeden Anspruch wirklich bemerkenswert.

Der letzte Morgen auf der Insel brach an. Wir wollten nochmal zur Kupferkanne, wo eine Bank unter einer Kiefer genau gen Sonnenaufgang steht. Die Farben waren auch wirklich schön, aber mit dem Motiv waren wir schnell fertig, so dass unser Plan B griff: schnell noch zum unweit gelegenen Quermarkenfeuer Rotes Kliff.
Dort gekommen hatte sich der Himmel mittlerweile in leuchtendes Rosa verwandelt, was für ein Fotografentraum! Einen Schuss vom Bohlenweg über die Dünen, dann im Stechschritt zum Quermarkenfeuer und dort das Stativ aufgestellt. Dieser Morgen hat wirklich alles gegeben und wir haben es gründlich ausgenutzt.
Nach einem letzten Frühstück in unserem Hotel bummelten wir noch in Shoppinglaune durch Westerland und waren pünktlich zur Rückfahrt an der Autoverladung. Es zog dann übrigens grau zu, auf dem Festland erwartete uns bereits Nebel. Wir hatten die perfekten drei Tage zwischen norddeutschen Sturm und friesischer grauer Suppe perfekt getroffen.
Es waren unglaubliche Tage mit sagenhaftem Himmel an tollen Spots. Sylt geht immer, aber dieses Mal hat die Insel alles übertroffen. Genug Spaß hatten wir auch, so das klar ist: wir sind noch nicht fertig mit Deutschlands nördlichster Insel, wir kommen wieder!
Die Bilder dieses unvergesslichen Kurztrips findet ihr unter Sylt.

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